Zeitzeugengespräch mit Abba Naor

Am 14.02.2022 kam Abba Naor aus München zu uns an die Schule, um von seiner Kindheit und den Erlebnissen im Ghetto und in verschiedenen Konzentrationslagern zu berichten.

Abba Naor wurde am 21. März 1928 in Kaunas, Litauen geboren. Er hatte einen kleinen und einen großen Bruder. Sein Vater war bei der Freiwilligen Feuerwehr. Er hatte eine unbeschwerte Kindheit, bis er mit 13 Jahren in ein Ghetto in seiner Heimatstadt Kaunas gebracht wurde. Dort erschossen die Nazis auch seinen älteren Bruder, als dieser verbotenerweise Brot holte. Kurz darauf wurden Schulen eröffnet und alle Kinder, die dort lebten, freuten sich über Bücher und Papier. 1944 verbrachte man die ganze Familie nach Stutthof in das dortige Konzentrationslager. Dort bekamen sie neue Bekleidung, vergleichbar mit Leinentüchern, neue Unterwäsche und Schuhe aus Holz. Die „Betten“ waren ebenfalls aus Holz, es gab keine Decken und keine Kissen. Teilweise schliefen die Häftlinge auch auf dem Boden. Abba Naor sagte, dass das einzig Positive der Waschraum war, obwohl auch keine Handtücher vorhanden waren. Die Gefangenen bekamen zweimal täglich Verpflegung, aber nur sehr wenig. Deshalb wurde er von ständigem Hunger begleitet.

Abba Naor erzählte auch, dass die Häftlinge schon sehr früh aufstehen und zum Appellplatz gehen mussten. Nachdem sie alle durchgezählt wurden, ging es zur Arbeit. Erst nach der schweren Arbeit gab es Suppe und eine Scheibe Brot.

Mit ca. 16 Jahren trennte man Abba Naor und seinen Vater von seiner Familie und brachte ihn in eines der Außenlager von Dachau, genauer gesagt nach Utting am Ammersee. Seine Mutter und sein kleiner Bruder wurden kurz darauf in Ausschwitz vergast. Er und die anderen Häftlinge mussten ein weiteres Außenlager bauen. Bei einer seiner Außenarbeiten kamen sie bei einem Schweinestall vorbei. Sie bemerkten, dass die Tiere mehr zu essen hatten als sie. Ab diesem Zeitpunkt setzten die Zwangsarbeiter ihr Leben aufs Spiel, um immer wieder das Brot, das die Schweine zu essen bekamen, zu stehlen. Wurden sie dabei erwischt, galt die Todesstrafe. Im Außenlager Dachau wurde 12 Stunden Schichtarbeit angeordnet, dadurch lernte er die anderen kennen und freundete sich mit drei davon auch an. Er war nicht lange in diesem Außenlager, er war immer noch 16 als er freiwillig nach Kaufering verlegt wurde, da er dort seinen Vater vermutete.

Ende April schickte man die Gefangenen auf einen sogenannten Todesmarsch.

Kurz hinter Bad Tölz wurden Abba Naor und weitere 80 Häftlinge Anfang Mai 1945 von den Amerikanern befreit.

Heutzutage muss er mit seiner Vergangenheit leben. Damit es ihm leichterfällt, erzählt er an Schulen von seinem Schicksal. Er selbst bezeichnet das als „Therapie“. Doch es fällt ihm nicht immer leicht darüber zu sprechen. Bis er mit seiner Geschichte das erste Mal an Schulen darüber gesprochen hat, dauerte es 30 Jahre. Er heiratete, hat zwei Kinder, fünf Enkel und zehn Urenkel. Abba Naor ist dennoch der Meinung, dass man sein Leben genießen soll, auch wenn es sehr schlechte Tage gibt.

„Das Leben ist etwas Feines, man muss es nur genießen“

(Abba Naor, 14.02.2022)

Am Ende des Zeitzeugengesprächs überreichten zwei unserer Schülersprecher Herrn Naor, der auch Vizepräsident des Dachau International Committee ist, zum Dank eine Spende über €250, die vom Förderverein der Realschule Weilheim zur Verfügung gestellt wurde.